Der Wilde Mann


Der Wilde Mann (langer Artikel) von Robert Bly

Wir leben in einer wichtigen und produktiven Phase, denn den Männern ist klar geworden, daß das gesellschaftlich vermittelte Bild dessen, was und wie ein erwachsener Mann zu sein hat, überholt ist; man kann nicht länger darauf bauen. Wenn ein Mann fünfunddreißig ist, hat er längst erkannt, daß das Image des richtigen Mannes, des harten Mannes, des wahren Mannes, das ihm in der Jugend eingeimpft wurde, im wirklichen Leben nicht taugt. Ein solcher Mann ist offen und bereit für neue Vorstellungen: für das, was ein Mann ist, oder was er sein könnte.

Die alten Haus- und Wundermärchen haben - wie Wasser, das durch meterdickes Erdreich dringt- über Generationen von Männern und Frauen ihren Weg zu uns gefunden, und wir können ihren Bildern eher Glauben schenken als beispielsweise denen, die sich Hans Christian Andersen ausgedacht hat. Die Bilder, die in den alten Märchen aufscheinen - jemand stiehlt den Schlüssel, den die Mutter unter dem Kopfkissen versteckt hat, findet eine goldene Feder, die aus dem brennenden Brustgefieder des Feuervogels gefallen ist, entdeckt den Wilden Mann auf dem Grunde des Sees, folgt der Blutspur der eigenen Wunde durch den Wald und erkennt, daß sie der Spur eines Gottes gleicht-, sie alle sind dazu bestimmt, allmählich vom Körper aufgenommen zu werden; und einmal aufgenommen, entfalten sie sich umso machtvoller. Die Geschichte vom Eisenhans lehrt uns, wie wesentlich es ist, aus dem Reich der Mutter in das Reich des Vaters zu gelangen Und aus allen Initiationsgeschichten lernen wir, wie wichtig es ist, daß wir uns von den Erwartungen unserer Eltern gänzlich lösen und uns einen zweiten Vater oder “zweiten König” suchen.

Es gibt eine männliche Initiation, eine weibliche Initiation und eine menschliche Initiation. Hier spreche ich nur von der männlichen Initiation. Ich möchte betonen, daß ich es nicht darauf anlege, Männer gegen Frauen auszuspielen, und ebensowenig ist es meine Absicht, Männer wieder zu den herrischen Verhaltensweisen anzuhalten, die zu einer jahrhundertelangen Unterdrückung der Frauen und ihrer weiblichen Werte geführt haben. Neue Gedanken sind nicht dazu angetan, die Frauenbewegung herauszufordern. Beide Befreiungsbewegungen sind miteinander verknüpft, aber jede bewegt sich nach einem anderen zeitlichen Rhythmus. Das, was an den Männern nagt, ist seit Beginn der industriellen Revolution unaufhörlich gewachsen, und inzwischen hat dieses Leiden eine Dimension erreicht, die man nicht länger ignorieren darf.

Die dunkle Seite der Männer ist offensichtlich. Ihre irrwitzige Ausbeutung der Bodenschätze unseres Planeten, ihre Geringschätzung und Erniedrigung der Frauen und ihre zwanghafte Leidenschaft für atavistische Kriegsspiele sind nicht zu leugnen. Ihr genetisches Erbe ist diesen Obsessionen ebenso förderlich wie das kulturelle und gesellschaftliche Umfeld. Unsere Mythologien haben den Nachteil, daß sie Männern keine tiefen Gefühle zusprechen, ihnen einen Platz im Himmel statt auf Erden zuweisen, Gehorsam gegen falsche Mächte lehren, daraufhinwirken, daß Männer Jungen bleiben, und daß sie Männer ebenso wie Frauen in Systeme industrieller Herrschaft verstricken, die ein Matriarchat wie auch ein Patriarchat ausschließen.

Mein Text ist überwiegend auf heterosexuelle Männer ausgerichtet, er grenzt jedoch homosexuelle Männer nicht aus. Erst im achtzehnten Jahrhundert fand der Begriff ”homosexuell” Eingang in den allgemeinen Sprachgebrauch; bis zu diesem Zeitpunkt betrachtete man schwule Männer einfach als Teil der großen männlichen Gemeinschaft. Die Mythologie, so wie ich sie begreife, macht keinen großen Unterschied zwischen homosexuellen und heterosexuellen Männern.

Ich spreche von dem Wilden Mann, und zwischen dem Barbaren und dem Wilden Mann besteht ein ganz entscheidender Unterschied. Die Lebensweise des “Barbaren”fügt der Seele, der Erde und der Menschheit großen Schaden zu; man kann sagen, daß der “Barbar”, obwohl er verwundet ist, seine Wunde nicht untersucht. Der Wilde Mann ist einer, der seine Wunde untersucht hat; er erinnert eher an einen Zen-Priester, einen Schamanen oder einen Waldbewohner als an einen Barbaren.

Das Wissen darum, wie man in einem kahlen Baum ein Nest baut, die Überwinterungs-plätze findet, einen Paarungstanz aufführt - all diese Informationen sind in dem instinkt-geprägten Hirn eines Vogels gespeichert. Da die Menschen dagegen ahnten, wieviel Flexi-bilität sie aufbringen müßten, um mit neuen Situationen fertig zu werden, beschlossen sie, diese Art von Wissen außerhalb des instinktgebundenen Systems zu speichern: Sie legten es in Geschichten nieder. Somit bilden Geschichten - Märchen, Legenden, Mythen, Heim- und Herdgeschichten - ein umfangreiches Reservoir, in dem wir neue Reaktionsmöglich-keiten aufbewahren, auf die wir zurückgreifen können, wenn die herkömmlichen, geläufigen Methoden nicht mehr greifen.

In den siebziger Jahren entdeckte ich immer häufiger ein Phänomen, das wir als den “weichen Mann” oder den “Softie” bezeichnen könnten. Selbst heute sind ungefähr die Hälfte der jungen Männer genau das, was ich mit dem Wort “Softie” meine. Es sind liebenswerte, wertvolle Menschen - ich mag sie -, sie wollen weder der Erde Schaden zufügen, noch wollen sie Kriege beginnen. Ihr ganzes Wesen und ihr ganzer Lebensstil strahlen eine freundlichsanfte Einstellung zum Leben aus.

Doch viele dieser Männer sind nicht glücklich. Man spürt schnell, daß es ihnen an Energie fehlt. Sie sind lebenserhaltend, aber nicht gerade lebenspendend. Ironischerweise sieht man diese Männer oft an der Seite starker Frauen, die spürbar Energie ausstrahlen. Da haben wir also einen sensiblen jungen Mann, seinem Vater ökologisch weit voraus, in Einklang mit der umfassenden Harmonie des Universums, doch er selbst hat kaum Vitalität zu bieten. Die starken oder lebenspendenden Frauen, die die sechziger Jahre sozusagen absolvierten oder die spirituell bewußter waren, haben bei der Hervorbringung dieses Typs, des lebenerhaltenden, aber nicht lebens-spendenden Mannes, eine wichtige Rolle gespielt.

Ich erinnere mich an  einen Autoaufkleber aus dieser Zeit, auf dem zu lesen war: “FRAUEN SAGEN JA ZU MÄNNERN, DIE NEIN SAGEN”. Wir wissen, daß viel Mut dazu gehörte, sich dem Einberufungsbefehl zu widersetzen, ins Gefängnis zu gehen oder nach Kanada auszuwandern, so wie Mut dazu gehörte, der Einberufung Folge zu leisten und nach Vietnam zu gehen. Doch vor zwanzig Jahren sagten die Frauen ganz klar, daß sie den weicheren, rezeptiven Mann bevorzugten. Dadurch wurde die Entwicklung der Männer ein wenig in diese Richtung beeinflußt.Nicht-rezeptive Männlichkeit wurde mit Gewalt gleichgesetzt, rezeptive Männlichkeit wurde belohnt.

Wie damals wünschen sich heute, in den neunziger Jahren, energische Frauen mitunter noch immer weiche Männer als Liebhaber und, in gewisser Weise, vielleicht auch als Söhne. Die Neuverteilung der “Yin-Yang”-Energie bei Paaren war kein Zufall. Aus unterschiedlichen Gründen wollten junge Männer härtere Frauen, und Frauen fingen an, weichere Männer zu begehren. Eine Zeitlang schien das Ganze gut zusammenzupassen, doch mittlerweile haben wir lange genug damit gelebt, um sagen zu können, daß es nicht funktioniert.

Zum erstenmal erfuhr ich von den Ängsten “weicher” Männer, als sie mir bei frühen Männertreffen ihre persönlichen Geschichten erzählten. 1980 bat mich die Lamaistische Gemeinde in New Mexico, ein Symposion nur für Männer zu leiten. Es war ihr erstes, und ungefähr vierzig Männer nahmen daran teil. Jeden Tag konzentrierten wir uns auf einen griechischen Gott und auf eine alte Geschichte, und am Spätnachmittag versammelten wir uns dann zum Gespräch. Wenn die jüngeren Männer sprachen, kamen ihnen nicht selten schon nach fünf Minuten die Tränen. Das Ausmaß an Kummer und Angst in diesen jüngeren Männern  verblüffte mich.

Ein Teil ihres Kummers kam aus der Distanz zu ihrem Vater, die ihnen schmerzlich bewußt war, doch zum Teil litten sie auch unter Problemen in ihren Ehen oder Beziehungen. Sie hatten gelernt, rezeptiv zu sein, doch diese Rezeptivität reichte nicht aus, um ihre Ehe durch schwierige Zeiten zu führen. Jede Beziehung braucht hin und wieder etwas Wildes: der Mann braucht es, und die Frau braucht es. Doch gerade dann, wenn dieses Element gefragt war, fühlte sich der junge Mann häufig überfordert. Er war zwar fürsorglich, doch irgend etwas anderes war gefordert - für seine Beziehung, ja für sein Leben.

Der “Softie” konnte sagen: “Ich kann deinen Schmerz fühlen, und ich halte dein Leben für ebenso wichtig wie meins, und ich werde für dich da sein und dich trösten.” Aber er konnte nicht sagen, was er wollte, und dazu stehen. Eine solche Entschlossenheit war etwas ganz anderes.

In der Odyssee weist der Götterbote Hermes Odysseus an, er solle, wenn er sich Circe nähere - sie steht für eine bestimmte Art matriarchalischer Kraft - sein Schwert erheben oder es zeigen. In diesen frühen Sitzungen fiel es vielen der jüngeren Männer schwer, das Zeigen des Schwertes nicht damit gleichzusetzen, jemanden zu verletzen. Einer von ihnen, der auf seine Weise die Inkarnation bestimmter spiritueller Haltungen jener Jahre war und der tatsächlich ein Jahr lang auf einem Baum außerhalb von Santa Cruz zugebracht hatte, sah sich nicht imstande, seinen Arm auszustrecken, wenn er ein Schwert hielt. Er hatte so gut gelernt, niemandem weh zu tun, daß er die Waffe nicht heben konnte, noch nicht einmal, um das Sonnenlicht darin einzufangen. Doch ein Schwert zu zeigen, bedeutet nicht unbedingt Kampf. Es kann auch auf eine sehr zu begrüßende Entschlossenheit hindeuten.

Die Reise, die viele Männer angetreten haben, zur Weichheit hin, zur Rezeptivität oder zur “Entwicklung der weiblichen Seite” ist ungeheuer nützlich, aber sie ist noch nicht zu Ende. Keine Etappe ist die Endstation.

Die Entdeckung des Eisenhans

Eines der Märchen, die von einer dritten Möglichkeit für Männer erzählen, einer dritten Seinsweise, ist die Geschichte vom Eisenhans. Obwohl erst von den Brüdern Grimm im Jahre 1850 schriftlich niedergelegt, könnte diese Erzählung zehn- oder zwanzigtausend Jahre alt sein. Zu Beginn der Geschichte erfahren wir, daß in einer entlegenen Gegend des Waldes hinter dem Königschloß merkwürdige Dinge geschehen. Wann immer Jäger dorthin gehen, verschwinden sie und kommen nie wieder. Mit der Zeit bekommen die Leute das Gefühl, daß in diesem Teil des Waldes etwas Unheimliches ist, und niemand traut sich mehr dorthin.

Eines Tages taucht ein unbekannter Jäger im Schloß auf und fragt: “Kann ich was für euch tun? Gibt’s hier irgendwas Gefährliches zu erledigen?” Der König antwortet: “Tja, da wäre zum Beispiel der Wald, aber es gibt da ein Problem. Die Leute, die dort hingehen, kommen nicht mehr zurück. Die Rück-kehrquote ist alles andere als zufriedenstellend.”

“Das ist genau das Richtige für mich”, sagt der junge Mann. Er geht also in den Wald, interessanterweise geht er allein und nimmt nur seinen Hund mit. Der junge Mann und der Hund streifen durch den Wald, und sie kommen an einem Tümpel vorbei, oder an einem tiefen Pfuhl, wie es bei den Grimms heißt. Plötzlich taucht eine Hand aus dem Wasser auf, packt den Hund und zieht ihn hinab.

Der junge Mann reagiert nicht gerade hysterisch. Er sagt sich nur: “Hier muß es sein.” So gern der Jäger seinen Hund auch hat, und so ungern er ihn dort zurückschlägt, er geht wieder zum Schloß, trommelt drei Leute mit Eimern zusammen und kehrt zu dem Tümpel zurück, um das Wasser auszuschöpfen. Jeder, der so etwas je versucht hat, kann sich lebhaft vorstellen, was für eine mühselige Arbeit das ist. Schließlich finden sie auf dem Grund des Tümpels einen großen Mann, der vom Kopf bis zum Fuß mit Haaren bedeckt ist. Das Haar - oder schimmert da schon sein Bauch? - ist rötlich und sieht ein wenig aus wie rostiges Eisen. Sie nehmen den Mann gefangen und führen ihn zum Schloß. Der König läßt ihn im Hof in einen eisernen Käfig sperren, gibt ihm den Namen “Eisenhans” und vertraut der Königin den Schlüssel an. An dieser Stelle möchte ich die Geschichte für einen Moment unterbrechen.

Wenn ein Mann unserer Tage tief in seine Psyche blickt, sieht er vielleicht, wenn die Bedingungen günstig sind, unter dem Wasser seiner Seele, in einem Bezirk, in dem schon lange niemand mehr hingekommen ist, einen uralten haarigen Mann liegen.

Mythologische Systeme verbinden Haare mit dem Instinkthaften, mit dem Sexuellen und dem Primitiven. Was ich damit andeuten will, ist, daß jeder heutige männliche Mensch auf dem Grunde seiner Psyche ein großes, primitives Etwas liegen hat, von Kopf bis Fuß mit Haaren bedeckt. Mit diesem Wilden Mann Kontakt aufzunehmen, ist ein Schritt, den der Mann der achtziger und neunziger Jahre noch vor sich hat. In unserer zeitgenössischen Kultur muß das Ausschöpfen des Tümpels erst noch in Angriff genommen werden.

Wie die Geschichte sehr subtil andeutet, löst dieser haarige Mann Furcht aus, wie dies bei allen Veränderungen der Fall ist. Wenn ein Mann anfängt, seine rezeptive Seite zu entwickeln und seine anfängliche Scheu überwindet, stellt er meist fest, daß diese Erfahrung etwas Wundervolles ist. Er beginnt, Gedichte zu schreiben, geht spazieren und sitzt stundenlang am Meer; beim Sex muß er nicht mehr grundsätzlich obenauf sein; er wird emphatisch - er entdeckt eine neue, lebendige, überraschende Welt.

Aber durch das Wasser hinabzusteigen, um den Wilden Mann auf dem Grunde des Tümpels zu berühren, ist etwas völlig anderes. Das Wesen, das sich da erhebt, ist beängstigend und scheint es heute um so mehr, als sich die Geschäftswelt alle Mühe gibt, den keimfreien, haarlosen, oberflächlichen Mann hervorzubringen. Wenn ein Mann seine Rezeptivität oder das, was wir gelegentlich die “Frau in ihm” nennen, bereitwillig annimmt, empfindet er sich häufig als wärmer, kontaktfreudiger, lebendiger. Doch wenn er sich seinem, wie ich es nennen möchte, “tiefen Mann” nähert, wittert er Gefahr. Den Haarigen Mann anzunehmen, wird beängstigend und riskant, und es setzt eine andere Form von Mut voraus. Der Kontakt mit dem Eisenhans erfordert die Bereitschaft, in die männliche Psyche hinabzusteigen und zu akzeptieren, was dort im Dunkeln schlummert, auch die nährende Dunkelheit. 

Seit nunmehr Generationen warnt die Industriegesellschaft ihre jungen Geschäftsleute davor, dem Eisenhans zu nahe zu kommen, und die christliche Kirche mag ihn auch nicht besonders. Sigmund Freud, C. G. Jung und Wilhelm Reich hatten als Seelenforscher den Mut, in den Tümpel hinabzusteigen und zu akzeptieren, was sie dort fanden. Aufgabe der heutigen Männer ist es, ihnen in die Tiefe zu folgen.

Einige Männer haben diese Arbeit bereits geleistet, und der Haarige Mann ist vom Grunde ihrer Psyche nach oben geholt worden und lebt jetzt im Schloßhof. “Im Schloßhof” bedeutet, daß das Individuum oder das kulturelle Umfeld ihn an einen sonnenbe-schienenen Platz gebracht hat, wo jeder ihn sehen kann. An sich ist das schon um einiges besser, als den Haarigen Mann im Keller zu verstecken, wo ihn viele Elemente in jeder Kultur gern sähen. Aber natürlich ist er - auch an jenem Platz - noch immer im Käfig.

Der Verlust des goldenen Balls

Nun zurück zu unserer Geschichte:

Eines Tages spielt der acht Jahre alte Sohn des Königs mit seinem geliebten goldenen Ball im Schloßhof, und er rollt in den Käfig des Wilden Mannes. Wenn der Junge den Ball zurückhaben will, muß er sich dem Haarigen Mann nähern und ihn darum bitten. Aber das ist nicht einfach. Der goldene Ball erinnert uns an die einheitliche Persönlichkeit, die wir als Kinder hatten - eine Art strahlender Glanz, eine Ganzheit, bevor wir uns in männlich und weiblich aufteilen, reich und arm, schlecht und gut. Der Ball ist golden, wie die Sonne, und rund. Wie die Sonne strahlt er aus seinem Inneren Energie aus

Es ist von Bedeutung, daß der Junge acht Jahre alt ist. Wir alle, ob Junge oder Mädchen, verlieren etwas in diesem Alter. Wenn wir in der Kindergartenzeit den goldenen Ball noch haben, verlieren wir ihn in der Grundschule. Das bißchen, das möglicherweise noch übrig geblieben ist, verlieren wir spätestens im Hauptschulalter. Im “Froschkönig” fiel die Kugel der Prinzessin in einen Brunnen. Ob wir Mann sind oder Frau, wenn der goldene Ball einmal verloren ist, verbringen wir den Rest unseres Lebens mit dem Versuch, ihn wiederzubekommen.

Wollen wir den Ball zurückhaben, müssen wir, so meine ich, zu allererst und uneinge-schränkt akzeptieren, daß er verloren ist. Freud hat gesagt: “Was für ein schmerzlicher Gegensatz besteht doch zwischen der strahlenden Intelligenz eines Kindes und dem schwächlichen Wesen eines durchschnittlichen Erwachsenen.” Wo also ist der goldene Ball? Metaphorisch ließe sich sagen, daß die Kultur der sechziger Jahre den Männern geraten hat, sie würden ihren goldenen Ball durch Sensibilität, Rezeptivität, partnerschaftliches Verhalten und Abbau jedweder Aggressivität wiederfinden. Doch viele Männer haben ihre Aggressivität abgelegt und den goldenen Ball trotzdem nicht wiedergefunden.

Die Geschichte vom Eisenhans sagt, daß ein Mann nicht erwarten kann, den goldenen Ball im Reich der Frau zu finden, denn dort ist er nicht. Insgeheim bittet ein frischge-backener Ehemann seine Frau, ihm den goldenen Ball zurückzugeben. Ich glaube, sie würde ihn schon ihm geben, wenn sie nur könnte, denn nach meiner Erfahrung versuchen die meisten Frauen nicht, Männer in ihrer Entwicklung zu blockieren. Aber sie kann ihm den Ball nicht geben, weil sie ihn nicht hat. Dazu kommt, daß sie ihren eigenen goldenen Ball verloren hat und ihn auch nicht wiederfinden kann.

Grob vereinfachend könnten wir sagen, daß der Mann der fünfziger Jahre immer auf der Suche nach einer Frau ist, die ihm seinen goldenen Ball zurückgibt. Der Mann der sechziger und siebziger Jahre bittet die “Frau in ihm selbst”, den Ball zurückzugeben, was ebensowenig Erfolg hat.

Die Geschichte vom Eisenhans legt den Gedanken nahe, daß der goldene Ball im magnetischen Bereich des Wilden Mannes liegt - eine Vorstellung, die schwer nachzuvollziehen ist. Wir müssen als Möglichkeit in Betracht ziehen, daß die eigentliche strahlende Energie des Mannes weder im Reich des Weiblichen verborgen liegt, sich dort für immer festgesetzt hat oder dort auf uns wartet, noch in dem Macho-Reich eines John Wayne, sondern im magnetischen Feld der tiefsten Männlichkeit. Sie wird von dem Instinktiven behütet, von dem, der unter Wasser ist, und zwar schon seit wer weiß wie langer Zeit.

Im “Froschkönig” ist es der Frosch, der Un-Nette, der, bei dem jeder “Igitt!” sagt, der die goldene Kugel zurückbringt. Und in der Grimmschen Fassung verwandelt sich der Frosch erst dann in den Prinzen, als er gegen die Wand geworfen wird.

Die meisten Männer wünschen sich einen netten Menschen, der den Ball zurückbringt, doch das Märchen gibt zu verstehen, daß wir den goldenen Ball nicht im Kräftefeld eines asiatischen Gurus finden werden, nicht einmal im Kräftefeld des gütigen Jesus. Unsere Geschichte ist nicht antichristlich, sondern um etwa tausend Jahre vorchristlich, und ihre Botschaft ist noch immer wahr: den goldenen Ball zurückzubekommen, ist mit gewissen Erscheinungsformen konventioneller Zahmheit und Nettigkeit nicht zu vereinbaren. Die Wildheit, oder Un-Nettigkeit, die in dem Bild vom Wilden Mann mitenthalten ist, ist nicht zu verwechseln mit der Macho-Energie, die den Männern schon zur Genüge vertraut ist. Im Gegenteil, die Energie des Wilden Mannes befähigt zu kraftvollem Handeln, das nicht brutal, sondern entschlossen ist.

Der Wilde Mann steht nicht im Gegensatz zur Zivilisation; aber er geht auch nicht völlig in ihr auf. Der moralische Überbau des herkömmlichen Christentums duldet den Wilden Mann nicht, obgleich einiges darauf hindeutet, daß Christus selbst es tat. Schließlich wurde er zu Beginn seiner Predigerzeit von einem haarigen Johannes getauft. Wenn für einen jungen Mann der Zeitpunkt gekommen ist, mit dem Wilden Mann zu sprechen, wird er feststellen, daß die Unterhaltung ganz anders verläuft als ein Gespräch mit einem Prediger, einem Rabbi oder einem Guru. In einem Gespräch mit dem Wilden Mann geht es nicht um Glück, geistige oder seelische Dinge oder einen “höheren Bewußtseinszustand”, sondern um etwas Nasses, Dunkles und Tiefes - um etwas, was James Hillman als “Seele” bezeichnen würde.

Der erste Schritt besteht darin, an den Käfig heranzutreten und den goldenen Ball zurückzuverlangen. Einige Männer sind bereit, diesen Schritt zu wagen; andere dagegen haben noch nicht das Wasser aus dem Tümpel geschöpft - sie haben die kollektive männliche Identität noch nicht hinter sich gelassen und sind noch nicht allein, oder nur mit ihrem Hund, in das unbekannte Gebiet vorgedrungen. Die Geschichte besagt, daß man, nachdem der Hund “untergegangen” ist, mit dem Ausschöpfen beginnen muß. Es wird kein Riese vorbeikommen, der das Wasser für dich aus dem Tümpel saugt: keine Zauberei wird dir dabei helfen. Der Mann muß die Arbeit mühsam, Eimer um Eimer, erledigen. Das erinnert an die langsame Disziplin der Kunst: es ist die Arbeit, die Rembrandt geleistet hat, die Picasso und Yeats und Rilke und Bach geleistet haben. Die Arbeit mit Eimern verlangt mehr Disziplin als sich die meisten Männer klarmachen.

Der Wilde Mann, so meinte der Schriftsteller Keith Thompson einmal mir gegenüber, wird den goldenen Ball auch keineswegs einfach so überreichen. Was für eine Geschichte wäre das, wenn der Wilde Mann sagen würde: “Na schön, da hast du deinen Ball.”? C. G. Jung hat die Behauptung gewagt, alle erfolgreichen Bitten an die Psyche seien mit einem Handel verbunden. Die menschliche Psyche schließt gerne Geschäfte ab. Wenn zum Beispiel ein Teil von dir unglaublich faul ist und nicht arbeiten will, wird ein ehrlich gemeinter guter Vorsatz zum Neuen Jahr nichts nützen. Das Ganze wird besser funktionieren, wenn du zu deinem faulen Teil sagst: “Wenn du mich eine Stunde lang arbeiten läßt, laß ich dich danach ein Stunde lang rumgammeln - abgemacht?” Im “Eisenhans” wird also ein Geschäft gemacht: der Wilde Mann ist bereit, die goldene Kugel zurückzugeben, wenn der Junge den Käfig öffnet.

Der Junge, ganz offensichtlich verängstigt, läuft weg. Er läßt sich auf kein Gespräch ein. Ist es nicht wirklich so? Eltern, Pastoren und Lehrer haben uns so oft gesagt, wir dürften mit dem Wilden Mann nichts zu tun haben, daß wir, wenn er sagt: “Du bekommst den Ball zurück, wenn du mich aus dem Käfig läßt”, nicht einmal antworten. Vielleicht vergehen jetzt zehn Jahre. Am “nächsten Tag” könnte der Mann fünfundzwanzig sein. Er geht wieder zu dem Wilden Mann und sagt: “Könnte ich meinen Ball wiederhaben?” Der Wilde Mann sagt: “Ja, wenn du mich aus dem Käfig läßt.” Eigentlich ist es schon großartig, ein zweites Mal zu dem Wilden Mann zu gehen; einige Männer kehren nie mehr dorthin zurück. Der Fünfundzwanzigjährige hört zwar, was der Wilde Mann sagt, doch mittlerweile hat er zwei Toyotas und eine Hypothek, vielleicht eine Frau und ein Kind. Wie könnte er da den Wilden Mann aus dem Käfig lassen? Normalerweise geht ein Mann das zweite Mal einfach weg, auch diesmal, ohne ein Wort zu sagen.

Wieder vergehen zehn Jahre. Nehmen wir an, der Mann ist jetzt fünfunddreißig. Haben Sie je den bestürzten Ausdruck im Gesicht eines Fünfunddreißigjährigen gesehen? Er fühlt sich überarbeitet, entfremdet, leer, und dieses Mal fragt er den Wilden Mann aus tiefstem Herzen: “Könnte ich meinen goldenen Ball wieder-haben?” “Ja,” sagt der Wilde Mann, “wenn du mich aus dem Käfig läßt.” An diesem Punkt geschieht in der Geschichte etwas Erstaunliches. Der Junge spricht mit dem Wilden Mann und setzt die Unterhaltung fort. Er sagt: “Selbst wenn ich es wollte, ich könnte dich nicht herauslassen, weil ich nicht weiß, wo der Schlüssel ist. “ Ist das nicht großartig? Inzwischen sind wir schon fünfunddreißig und wissen nicht, wo der Schlüssel ist. Nicht etwa, daß wir es vergessen hätten, wir haben von Anfang an nicht gewußt, wo er ist.

Die Geschichte berichtet, daß der König, als er den Wilden Mann einsperren ließ, der Königin den Schlüssel in Verwahrung gab, aber damals waren wir erst sieben Jahre alt, und außerdem hat unser Vater uns nie verraten, was er damit gemacht hat. Wo also ist der Schlüssel? Der Wilde Mann antwortet: “Er liegt unter dem Kopfkissen deiner Mutter.” Der Schlüssel ist nicht in dem Ball, auch nicht in der goldenen Truhe oder im Tresor . . . der Schlüssel liegt unter dem Kopfkissen unserer Mutter - genau da, wo Freud ihn vermutet hätte.

Die Mutter angreifen

Den Schlüssel unter dem Kopfkissen der Mutter weg-zuholen, ist eine schwierige Aufgabe. Freud, der sich von einem griechischen Drama inspirieren ließ, meint, daß ein Mann die gegenseitige Anziehung, die zwischen ihm und seiner Mutter besteht, nicht verdrängen darf, wenn er lange leben möchte. Das Kissen der Mutter liegt schließlich in dem Bett, in dem sie mit deinem Vater schläft. Aber das Kissen ist noch mit einer anderen tieferen Bedeutung verbunden.

Michael Meade, der Mythenerzähler, wies mich irgendwann darauf hin. Das Kissen ist auch der Platz, an dem die Mutter alle Erwartungen hortet, die sie an dich knüpft. Sie träumt: “Mein Sohn der Arzt”. “Mein Sohn, der Psychoanalytiker”. “Mein Sohn das Finanz-genie”. Doch nur sehr wenige Mütter träumen: “Mein Sohn, der Wilde Mann.”

Der Sohn wiederum ist sich gar nicht sicher, ob er den Schlüssel wirklich nehmen will. Es würde nichts nützen, den Schlüssel einfach vom Kissen der Mutter zu dem Kissen eines Gurus zu bringen. Zu vergessen, daß die Mutter ihn hat, ist ein schwerer Fehler. Schließlich ist es die Aufgabe der Mutter, den Jungen zu zivilisieren, daher ist es ganz natürlich, daß sie den Schlüssel verwahrt. Alle Familien funktionieren ähnlich: auf diesem Planeten “gibt der König der Königin den Schlüssel in Verwahrung”.

Die Mutter anzugreifen, sich ihr entgegenzustellen, sie anzuschreien, wie es uns von manchen Freudianern bisweilen nahegelegt wird, hat nicht viel Aussicht auf Erfolg - vermutlich wird sie nur lächeln und, den Arm auf das Kissen gestütztmit dir sprechen. Die Gespräche, die Ödipus mit Jokaste führte, haben genauso wenig gebracht wie Hamlets Wutausbrüche. Ein Freund war der Ansicht, daß es klug sei, den Schlüssel an einem Tag zu stehlen, an dem Vater und Mutter nicht da sind. “Mein Vater und meine Mutter sind heute nicht zu Hause” meint einen Tag, an dem der Kopf frei ist von elterlichen Verboten. Das ist der günstigste Tag, um den Schlüssel zu stehlen. Die Erzählerin Gioia Timpanelli stellte fest, daß der Raub des Schlüssels auf mythologischer Ebene der Welt des Hermes zuzuordnen ist.

Und der Schlüssel muß gestohlen werden. Ich erinnere mich daran, daß ich einmal vor einem Publikum, gemischt aus Männern und Frauen, über die Schwierigkeit gesprochen habe, den Schlüssel zu stehlen. Ein junger Mann, der sich in den Vorgehensweisen des New Age offensichtlich bestens auskannte, sagte: “Robert, mich stört der Gedanke, den Schlüssel zu stehlen. Stehlen ist falsch. Könnten wir nicht einfach zu der Mutter gehen und sagen: ‘Mama, könnte ich wohl den Schlüssel wiederhaben?”’

Als Modell schwebte ihm vermutlich ein Konsens in der Art vor, wie die Mitarbeiter eines Naturkostladens ihre Probleme regeln. Ich spürte, wie die Seelen sämtlicher Frauen im Saal sich in die Lüfte erhoben, um ihn umzubringen. Männer wie er sind für Frauen ebenso bedrohlich wie für Männer. Keine Mutter, die diesen Namen verdient, würde den Schlüssel herausgeben. Wenn ein Sohn den Schlüssel nicht stehlen kann, hat er ihn nicht verdient.“Ich will den Wilden Mann herauslassen!”“Komm her und gib Mami ein Küßchen.”

Mütter wissen intuitiv, was passieren würde, wenn er den Schlüssel bekäme: Sie würden ihren kleinen Jungen verlieren. 

Der Besitzanspruch, den Mütter normaler-weise an ihre Söhne stellen - ganz zu schweigen von dem Besitzanspruch, den Väter normalerweise an ihre Töchter stellen - darf nicht unterschätzt werden. Die Mittel und Wege, den Schlüssel zurückzubekommen, sind bei jedem Mann verschieden; begnügen wir uns mit der Feststellung, daß demokratische oder nichtlineare Versuche wohl kaum von Erfolg gekrönt sein werden.

Ein ziemlich verklemmter junger Mann tanzte eines Nachts ungefähr sechs Stunden lang voller Leidenschaft, und am nächsten Morgen sagte er: “Letzte Nacht habe ich einen Teil des Schlüssels zurückbekommen . “ Ein anderer Mann eroberte sich den Schlüssel zurück, als er sich zum erstenmal in seinem Leben wie ein waschechter Trickser benahm, wobei er sich über seine Gaunerei völlig im klaren war. Wieder ein anderer stahl den Schlüssel, als er seiner Familie gegenüber auf Konfrontationskurs ging und sich weigerte, noch länger die Schande der ganzen Familie auf sich zu nehmen.

Wir könnten tagelang darüber reden, wie man den Schlüssel am geschicktesten stiehlt. Die Geschichte selbst läßt alles offen und sagt nur: “Eines Tages stahl er den Schlüssel, ging damit zum Käfig des Wilden Mannes und öffnete ihn. Dabei klemmte er sich einen Finger. Dieses Detail- ist für den folgenden Teil der Geschichte von Bedeutung. Nun ist der Wilde Mann endlich frei, und natürlich will er zurück in seinen heimischen Wald, weit  weg von “dem Schloß".

Wie reagiert der Junge?         

An dieser Stelle könnte alles mögliche passieren. Falls der Wilde Mann in, seinen Wald  zurückkehrt, während der Junge im Schloß bleibt, würde sich die grundsätzliche historische Spaltung der Psyche in , primitiver Mann und zivilisierter Mann- in dem Jungen neu begründen. Der Junge könnte dann für immer den Verlust des Wilder Mannes beklagen. Oder er könnte den Schlüssel zurück unter das Kopfkissen legen, bevor seine Eltern zurückkommen, und dann behaupten, daß er von der Flucht des Wilden Mannes nichts wisse. Nach dieser Lüge könnte er ein leitender Angestellter werden, ein fundamen-talistischer Prediger, ein ordentlicher Professor eben jemand, auf den seine Eltern stolz wären, jemand, der “den Wilden Mann nie gesehen hat”.

Wir alle haben den Schlüssel viele Male zurückgelegt und es abgestritten.Also muß der einsame Jäger in uns noch einmal mit seinem Hund in den Wald gehen, und dann wird der Hund wieder unter Wasser gezogen. Mit der Zeit verlieren wir auf diese Art eine ganze Menge “Hunde”.

Man könnte sich auch ein anderes Szenario vorstellen. Der Junge überredet den Wilden Mann dazu oder bildet sich ein, er könne ihn dazu überreden -, im Schloßhof zu bleiben. In dem Fall könnten er und der Wilde Mann im Gartenrestaurant gepflegte Gespräche miteinander führen, und diese Unterhaltung würde Jahre dauern. Doch die Geschichte deutet darauf hin, daß Eisenhans und der Junge sich im Hof des Schlosses nicht vereinen können - das heißt, ihre eigentliche Vereinigung nicht erleben können. Wahrscheinlich sind das Kopfkissen der Mutter und das Gesetzbuch des Vaters dafür zu nahe.

Erinnern wir uns, daß der Junge, als er mit dem Wilden Mann sprach, behauptete, er wisse nicht, wo der Schlüssel ist. Das war mutig. Manche Männer richten nie ein Wort an den Wilden Mann. Als der Junge den Käfig öffnete, machte sich der Wilde Mann auf den Weg zurück in seinen Wald. Der Junge in unserer Geschichte oder der fünfunddreißigjährige Mann in unserer Vorstellung - ganz wie man will - tut jetzt etwas Großartiges. Er spricht den Wilden Mann noch einmal an und sagt: “Moment mal! Wenn meine Eltern nach Hause kommen und merken, daß du weg bist, werden sie mich schlagen.” Bei diesem Satz zerreißt es einem das Herz, besonders dann, wenn man ein wenig über die Erziehungsmethoden weiß, die lange Zeit in Mitteleuropa praktiziert wurden.

Alice Miller erinnert in ihrem Buch Am Anfang war Erziehung daran, daß deutsche Kinderpsychologen im neunzehnten Jahrhundert die Eltern besonders vor Eigensinn warnten. Eigensinn schadet einem Kind, und beim ersten Anzeichen dafür sollten die Eltern sehr streng reagieren. Eigensinn bedeutet, daß der wilde Junge oder das wilde Mädchen nicht mehr eingesperrt ist. Puritanische Eltern in Neuengland bestraften ihre Kinder häufig sehr hart, wenn sie während der langen Gottesdienste unruhig wurden. “Wenn sie nach Hause kommen und merken, daß du weg bist, werden sie mich schlagen.” Der Wilde Mann gibt ihm dann tatsächlich zu verstehen: “Da hast du recht. Du kommst besser mit.”

Also nimmt der Wilde Mann den Jungen auf seine Schultern, und zusammen machen sie sich auf in die Wälder. Das gibt den Ausschlag. Wenn wir nur alle soviel Glück hätten! Als der Junge sich auf den Weg in den Wald macht, muß er, zumindest für den Augenblick, seine Furcht vor der Wildheit, vor Irrationalität, Instinkt, Intuition, Emotionalität, vor dem Körper und der Natur überwinden. Eisenhans ist nicht so primitiv, wie der Junge es sich vorstellt, aber das weiß der Junge - oder der Intellekt - noch nicht.

Doch der endgültige Bruch mit Vater und Mutter, den die alten Naturvölker als für die Initiation des Kindes dringend erforderlich betrachten, hat jetzt stattgefunden. Eisenhans sagt zu dem Jungen: “Du wirst deinen Vater und deine Mutter nie wiedersehen. Aber ich habe mehr Schätze, als du es dir je träumen läßt.” Damit wäre diese Frage also erledigt.

Auf den Schultern des Wilden Mannes

Der Augenblick, in dem der Junge mit Eisenhans fortgeht, ist der Augenblick, in dem, bei den alten Griechen, die Priester des Dionysos einen jungen Mann als Schüler akzeptierten, oder, im Leben der heutigen Eskimos, der Augenblick, wo der Schamane, manchmal von Kopf bis Fuß mit den Fellen wilder Tiere bedeckt, mit Vielfraßklauen und Schlangenwirbeln um den Hals und einer Bärenkopfmütze auf dem Kopf, im Dorf erscheint und einen Jungen mitnimmt, um ihn geistig zu unterweisen.

In unserer Kultur gibt es einen solchen Augenblick nicht. Bei uns haben die Jungen ein anhaltendes Verlangen danach, in den männlichen Geist eingeweiht zu werden, doch im allgemeinen gehen die alten Männer nicht darauf ein. Gelegentlich versucht ein Geistlicher, die Initiation vorzunehmen, aber auch er ist mittlerweile zu fest in die Dorfgemeinschaft integriert.

Bei den Hopi und einigen anderen indianischen Ureinwohnern des Süd-Westens nehmen die alten Männer den Jungen, wenn er zwölf Jahre alt ist, mit, um ihn hinunter in den ausschließlich männlichen Bereich der Kiva zu führen (in das sogenannte WerdeHaus, die unterirdische Zeremonialkammer). Dort unten bleibt er sechs Wochen, und seine Mutter sieht er anderthalb Jahre lang nicht wieder.

Der Fehler der modernen Kernfamilie liegt nicht so sehr in dem Umstand, daß sie neurotisch und voller unerlöster Konflikte ist (das trifft auch auf Kommunen und Bürobelegschaften, ja auf jede Gruppe zu). Ihr Fehler ist,daß die alten Männer außerhalb der Kernfamilie dem Sohn keinen wirksamen Ausweg mehr anbieten, wie er die Verbindung zu seinen Eltern unterbrechen kann, ohne sich selbst dabei zu schaden.

Die alten Gesellschaften glaubten, daß ein Junge nur durch Rituale und Bemühungen, nur durch das “aktive Eingreifen der älteren Männer” zum Mann wird. Allmählich wird uns klar, daß Männlichkeit nicht von allein kommt; sie kommt nicht bloß vom vielen Haferflockenessen. Das aktive Eingreifen der älteren Männer bedeutet, daß ältere Männer den jüngeren Mann in die uralte, mythologisch aufgeladene, instinktive männliche Welt aufnehmen.

Eine der eindrucksvollsten Geschichten, die ich je über diese Art von Initiation gehört habe, ereignet sich jedes Jahr bei den Kikuyu in Afrika. Wenn ein Junge das entsprechende Alter erreicht hat, entfernt man ihn von seiner Mutter und bringt ihn an einen besonderen Platz, den die Männer in einiger Entfernung vom Dorf vorbereitet haben. Dort fastet er drei Tage lang. In der dritten Nacht sitzt er dann im Kreis der alten Männer um das Feuer. Er ist hungrig, durstig, hellwach und zu Tode verängstigt. Einer der älteren Männer nimmt ein Messer, schneidet sich damit in den Arm und öffnet eine Vene. Dann läßt er ein wenig Blut in eine Kürbisflasche oder Schüssel fließen. Während die Schüssel reihum geht, schneidet sich jeder Mann in der Runde mit demselben Messer in den Arm und läßt etwas Blut hineinlaufen. Wenn die Schüssel bei dem Jungen ankommt, fordert man ihn auf, sich davon zu nähren.

Bei diesem Ritual lernt der Jung eine ganze Menge. Er lernt, daß Nahrung nicht nur von seiner Mutter, sondern auch von Männern kommt. Und er lernt, daß das Messer viele Zwecke erfüllen kann, nicht nur den, andere zu verletzen. Könnte er jetzt noch bezweifeln, daß die anderen Männer ihn gern in ihre Mitte aufnehmen? Nachdem die Aufnahme vollzogen ist, unterweisen ihn die alten Männer in den Mythen, Erzählungen und Liedern, die eindeutig männliche Werte verkörpern: Ich meine nicht solche Werte, die auf Wettkampf beruhen, sondern geistige Werte. Sobald er diese Mythen gelernt hat, führen die Mythen selbst den jungen Mann weit über seinen persönlichen Vater hinaus, in die Feuchtigkeit der Generationen SumpfVäter, die sich Jahrhundert für Jahrhundert in die Vergangenheit erstreckt.

Was geschieht, wenn diese Aufgabe nicht mehr bewußt von alten Männern übernommen wird? Eine Zeitlang bestand die Initiation der abendländischen Männer in abgeänderter Form weiter, selbst nachdem Religionsfanatiker die griechischen Initiationsschulen zerstört hatten. Bis ins neunzehnte Jahrhundert lebten Großväter und Onkel im gleichen Haus, und die älteren Männer hatten großen Anteil am Familienleben. Bei Jagdausflügen, bei der Arbeit, die auf Bauernhöfen und in Katen von Männern gemeinsam verrichtet wurde, auch bei lokalen Sportveranstaltungen verbrachten die alten viel Zeit mit den jungen Männern und machten sie so mit dem männlichen Geist und der männlichen Seele bekannt.

Wordsworth beschreibt zu Beginn von “Die Wanderung” (1814) den alten Mann, der Tag für Tag unter einem Baum saß und mit dem Wordsworth als Kind Freundschaft schloß:

Er liebte mich; aus einer Kinderschar 

erwählt’ er mich, wie er im Scherz gesagt, 

weil, trotz der Jugend, mein Blick ernst und schwer. 

Auch mit den Jahren war ich stets beglückt, 

Sein auserwählter Freund zu sein. Und oft, 

des Sonntags zog es uns in die Natur ...

Solche glücklichen oder zufälligen Begegnungen sind heutzutage selten geworden. Allmählich sind Herrenclubs und Männergesellschaften von der Bildfläche verschwunden. Großväter leben weit weg in irgendeiner anderen Stadt oder im Altersheim, und viele Jungen erleben nur die Kameradschaft von Gleichaltrigen, die aus der Sicht der alten Initiatoren, überhaupt nichts verstehen.

In den sechziger Jahren bezogen manche jungen Männer ihre Kraft von Frauen, die wiederum emen Teil ihrer Kraft aus der Frauenbewegung gezogen hatten. Man könnte fast sagen, daß viele jungen Männer in den sechziger Jahren versuchten, ihre Initiation über Frauen zu erhalten. Doch Männer können nur von Männern initiiert werden, ebenso wie Frauen nur von Frauen initiiert werden können. Frauen können aus einem Embryo einen Jungen werden lassen, aber nur Männer können aus einem Jungen einen Mann machen. Initiatoren behaupten, daß der Junge eine zweite Geburt braucht, und dieses Mal muß er von Männern geboren werden. In einem seiner Essays beschrieb Keith Thompson

sich selbst als Zwanzigjährigen: ein typischer junger Mann, der von Frauen “initiiert” worden war. Seine Eltern ließen sich scheiden, als er etwa zwölf Jahre alt war, und er wohnte bei seiner Mutter, während sich sein Vater eine Wohnung in der Nähe nahm.

Initiation durch Frauen     

Während der gesamten High-School-Zeit hatte Keith zu Frauen engeren Kontakt als zu Männern, und dieser Zustand setzte sich fort, noch nachdem er ein Studium begonnen hatte. Die engsten Freundschaften pflegte er mit Feministinnen, die er als ganz fabelhaft, gescheit und großzügig beschrieb und von denen er unglaublich viel lernte. Dann ging er nach Ohio und wurde politisch tätig, wobei er viel mit Frauen zusammenarbeitete und aufgeschlossen war für alle weiblichen Belange.

Irgendwann in dieser Zeit hatte er einen Traum. Er und ein Rudel Wölfinnen liefen durch den Wald. Wölfe bedeuteten für ihn vor allem Unabhängigkeit und Vitalität. Das Wolfsrudel bewegte sich rasch durch den Wald, in Formation, und schließlich kamen sie alle an das Ufer eines Flusses. Jede einzelne Wölfin blickte ins Wasser und sah darin ihr eigenes Gesicht. Doch als Keith ins Wasser blickte, sah er überhaupt kein Gesicht.

Träume sind subtil und kompliziert, und es ist leichtsinnig, voreilige Schlüsse zu ziehen. Das letzte Bild jedoch legt einen beunruhigenden Gedanken nahe. Wenn Frauen, selbst Frauen mit den besten Absichten, einen Jungen allein großziehen, dann kann es sein, daß er in gewisser Hinsicht kein männliches Gesicht hat, oder sogar überhaupt kein Gesicht. Im Gegensatz dazu verliehen die alten Männer den Jungen bei der Initiation eine Sicherheit, die nicht zu sehen und auch nicht durch Sprache vermittelbar ist; sie ermöglichte es den Jungen, ihr wirkliches Gesicht oder Wesen wahrzunehmen.

Was also ist zu tun? Unzählige alleinerziehende Frauen ziehen Söhne auf, ohne daß ein erwachsener Mann unmittelbar daran beteiligt wäre. Die Schwierigkeiten, die mit einer solchen Situation einhergehen, kamen eines Tages in Evanston zur Sprache, in einem Gesprächs-kreis über männliche Initiation, den ich leitete und der überwiegend aus Frauen bestand.

Frauen, die Jungen alleine erzogen, waren sich der Gefahren, die aus dem Fehlen eines männlichen Modells erwachsen, in hohem Maße bewußt. Eine Frau erklärte, sie habe zu dem Zeitpunkt, als ihr Sohn auf die High-School kam, begriffen, daß er mehr Härte brauchte, als sie von Natur aus geben konnte. Aber, so meinte sie, wenn sie sich, um diesem Bedürfnis zu entsprechen, dazu zwingen würde, härter zu sein, würde sie den Kontakt zu ihrer eigenen Weiblichkeit verlieren. Ich schlug die in vielen traditionellen Kulturen klassische Lösung vor, den Jungen im Alter von zwölf Jahren zu seinem Vater zu schicken. Mehrere Frauen meinten kategorisch: “Nein, Männer sind nicht fürsorgend; sie würden sich nicht genug um ihn kümmern.” Viele Männer jedoch - und ich zähle mich zu ihnen - haben in ihrem Inneren die Fähigkeit zur Fürsorge entdeckt, wenn auch erst, als sie verlangt wurde.

Selbst wenn der Vater mit im Haus lebt, kann trotzdem ein starkes geheimes, an Verschwörung grenzendes Band zwischen Mutter und Sohn bestehen, das den Vater ausgrenzt - und Verschwörungen sind schwer zu durchbrechen. Eine Frau mit zwei Söhnen war jedes Jahr gerne mit ihrem Mann zu einer Tagung nach San Francisco gefahren, wobei die Söhne zu Hause gelassen wurden. Einmal jedoch, nachdem sie gerade von einer Reise mit einer Frauengruppe zurückgekehrt war, hatte sie Lust, allein zu sein, und sagte zu ihrem Mann: “Nimm doch dieses Jahr die Jungs mit!” Und der Vater tat es.

Wie sich herausstellte, hatten die Jungen, die ungefähr zehn und zwölf Jahre alt waren, ihren Vater noch nie ohne ihre Mutter erlebt. Nach dieser Erfahrung wollten sie mehr Zeit mit ihrem Papa verbringen. Als im folgenden Frühjahr die jährliche Tagung bevorstand, wollte die Mutter erneut Zeit für sich haben, und wieder fuhren die Söhne mit ihrem Vater weg. Als sie wieder zu Hause ankamen, stand die Mutter gerade mit dem Rücken zur Tür in der Küche, und der ältere der beiden Jungen ging zu ihr und legte von hinten seine Arme um sie. Ohne daß sie es wollte, reagierte ihr Körper explosiv, und der Junge flog quer durch den Raum und schlug gegen die Wand. Als er sich wieder aufrappelte, so berichtete sie, hatte sich ihre Beziehung gewandelt. Etwas Unwiderrufliches war geschehen. Sie war glücklich über diese Veränderung, und der Junge schien überrascht und ein wenig erleichtert darüber zu sein, daß sie ihn offensichtlich nicht mehr auf die gleiche Weise brauchte wie früher.

Diese Geschichte weist darauf hin, daß die Trennungsarbeit auch dann geleistet werden kann, wenn nicht, wie bei den frühen Initiationsriten, die alten Männer den Bruch herbeiführen. Es ist offensichtlich eine große Intensität dazu erforderlich, und von Bedeutung ist, daß es der Körper der Frau war, nicht ihr Geist, der die schwierige Aufgabe meisterte.

Eine andere Frau erzählte eine Geschichte, in der die Mutter-Sohn-Verschwörung von seiten des Jungen aufgebrochen wurde. Sie war die alleinerziehende Mutter eines Sohnes und zweier Töchter, und den Mädchen ging es gut, dem Jungen dagegen nicht. Mit vierzehn zog er zu seinem Vater. Dort blieb er aber nur ungefähr einen Monat, dann kam er zurück. Bei seiner Rückkehr wurde der Mutter klar, daß die drei Frauen im Haus für den Sohn ein erdrückende Übergewicht an weiblicher Energie darstellten, aber was konnte sie tun? Es vergingen ein bis zwei Wochen. Eines Abends sagte sie zu ihrem Sohn: “John das Abendessen ist fertig.” Sie berührte ihn am Arm und er explodierte, und sie flog gegen die Wand - die  gleiche Art der Explosion wie in der ersten Geschichte.

Beide Male ist keine böswiliige Absicht festzusteilen, und es gibt keinerlei Hinweis darauf, daß sich dieses Verhalten wiederholte. In beiden Fällen wußte die Psyche oder der Körper etwas, was der Geist nicht wußte. Als die Mutter sich wieder vom Boden aufrappelte, sagte sie: “Es ist Zeit, daß du wieder zu deinem Vater zurückgehst”, und der Junge antwortete: “Du hast recht.”

Natürlich ist der traditionelle Initiationsbruch vorzuziehen, denn er macht Gewalt überflüssig. Aber heutzutage findet man überall rüpelige Söhne, die sich unverschämt aufführen und ihren Müttern aggressiv begegnen, und ich glaube, es handelt sich dabei um den Versuch, sich unattraktiv zu machen. Wenn es keine alten Männer mehr gibt, die die Mutter-Sohn-Einheit aufbrechen, was können die Jungen zur eigenen Abgrenzung dann anderes tun, als unverschämt aufzutreten? Es geschieht ganz unbewußt, und es hat keinerlei Stil.

Eine klare Ablösung von der Mutter ist wichtig, aber sie findet einfach nicht statt. Das soll nicht heißen, daß die Frauen etwas falsch machen: ich denke, das Problem liegt eher darin, daß die älteren Männer ihre Aufgabe nicht mehr richtig erfüllen.

Die traditionelle und jahrtausendealte Weise, Söhne aufzuziehen, bestand darin, daß Väter und Söhne in nächster - vielleicht auch mörderisch naher - Nähe miteinander lebten, und der Vater den Sohn ein Handwerk lehrte: Bauer oder Tischler oder Schmied oder Schneider. Wie ich bereits erwähnt habe, ist die Liebesbeziehung, die durch die industrielle Revolution am nachhaltigsten geschädigt wurde, die zwischen Vater und Sohn. Es ist sinnlos, die präindustrielle Kultur zu verherrlichen, doch wissen wir, daß viele Väter heute fünfzig oder sechzig Kilometer von zu Hause entfernt arbeiten, und wenn sie abends zurückkommen, sind die Kinder oft schon im Bett, und sie selbst sind zu müde, um aktiv die Vaterrolle zu übernehmen.

Der abwesende Vater     

Sobald die Büroarbeit und das “Informationszeitalter” dominieren, löst sich das Vater-Sohn-Band auf. Wenn der Vater nur abends ein oder zwei Stunden im Haus ist, dann sind die weiblichen Werte, so wunderbar sie auch sein mögen, die einzigen im Haus. Man könnte fast sagen, daß der Vater heutzutage seinen Sohn fünf Minuten nach dessen Geburt verliert. Wenn man heute eine Familie besucht, dann ist es häufig die Mutter, die selbstbewußt auftritt. Der Vater hält sich irgendwo im Hintergrund auf, artikuliert sich nicht.

Alexander Mitscherlich erläutert diese VaterSohn-Krise in seinem Buch Auf dem Weg zur vaterlosen Gesellschaft. Sein Kerngedanke lautet, daß in der Psyche des Sohnes, wenn er nicht tatsächlich sieht, was sein Vater das ganze Jahr lang tagsüber macht, eine Leere entsteht; diese Leere füllen Dämonen aus, die ihm einreden, die Arbeit seines Vaters sei böse und der Vater selbst sei böse.

Die Angst des Sohnes, daß der abwesende Vater böse ist, trug in den sechziger Jahren zu studentischen Hausbesetzungen bei. An der Columbia University besetzten rebellierende Studenten das Büro des Rektors, um nach den Beweisen für die Zusammenarbeit der Universität mit dem CIA zu suchen. Die Angst der Studenten, daß ihre eigenen Väter böse seien, wurde auf sämtliche männlichen Autoritätsfiguren übertragen. Eine Universität sieht von außen aufrecht und anständig aus, wie ein Vater, doch man hat das Gefühl, daß sie, oder er, irgendwo unter der Oberfläche etwas Teuflisches treibt. Das Gefühl wird unerträglich, weil das innere Empfinden des Sohnes mit den äußeren Erscheinungen in Konflikt gerät. Die unbewußten Intuitionen treten auf, nicht etwa weil der Vater böse ist, sondern weil er abwesend ist.

Junge Leute nehmen sogar die Mühe auf sich, in das Büro des Rektors einzudringen, nur um diese Inkongruenz zu überbrücken. Da das Land nun einmal so ist, wie es ist, finden sie hin und wieder tatsächlich Briefe des CIA, aber die tieferen Sehnsüchte werden dadurch nicht befriedigt - das körperliche Bedürfnis des Sohnes, dem Vater näher zu sein. “Wo ist mein Vater ... warum liebt er mich nicht? Was ist überhaupt los?”

Der Film Marathon-Mann beschäftigt sich mit dem Mißtrauen junger amerikanischer Männer gegenüber älteren Männern. Die Hauptfigur, dargestellt von Dustin Hoffman, verliert den Vater, ein Linker, der während der McCarthy-Kampagne in den Selbstmord getrieben wurde. Die Handlung verwickelt den jungen Mann in eine gefährliche Auseinandersetzung mit einem Mann, der früher Arzt in einem Konzentrationslager war. Der Marathon-Mann muß sich ihm stellen und ihn besiegen, bevor er mit seinem eigenen toten Vater Frieden schließen kann.

Wenn die Dämonen soviel Mißtrauen säen, wie soll der Sohn später eine wirklich gute Verbindung zur männlichen Energie eines Erwachsenen herstellen, besonders zur Energie eines erwachsenen Mannes, der Autorität verkörpert oder eine Führungsposition innehat? Als Musiker wird der junge Mann handgearbeitete Gitarren zertrümmern, die von älteren Männern gebaut wurden, oder als Lehrer wird er die alten Dichter, denen er mißtraut, “demontieren”. Als Bürger wird er eher einen Platz in einer Therapiegruppe als im Stadtrat annehmen. Er wird sich reiner fühlen, wenn er keine Autorität verkörpert. Er wird nach Nordkalifornien gehen und Marihuana anpflanzen, oder in Maine Motorrad fahren.

Mittlerweile herrscht die Meinung vor, daß jeder Mann in einer Machtposition entweder bereits korrupt und machtbesessen ist, oder es bald sein wird. Doch die Griechen kannten und bewunderten eine positive männliche Energie, die auch Autorität akzeptierte. Sie sprachen von der Energie des Zeus, und sie verstanden darunter Intelligenz, robuste Gesundheit, mitfühlende Entschlossenheit, Wohlwollen und großzügige Führung. Die Energie des Zeus ist männliche Autorität, die um der Gemeinschaft willen akzeptiert wird.

Die amerikanischen Ureinwohner glauben an diese gesunde männliche Macht. Bei dem Irokesenstamm der Seneca übernimmt der Häuptling - ein Mann, aber von den Frauen gewählt - die Macht um der Gemeinschaft willen. Er selbst besitzt praktisch nichts. Alle großen Kulturen, außer unserer eigenen, lebten mit Bildern dieser positiven männlichen Energie. In den Vereinigten Staaten wird die Energie des Zeus seit Jahrzehnten kontinuierlich weiter geschwächt. Die Pop-Kultur hat alles daran gesetzt, die Achtung davor zu zerstören. Den Anfang bildeten in den zwanziger und dreißiger Jahren Comics wie “Maggie und Jigg” und “Blondie und Dagwood”, bei denen der Mann immer schwach und dümmlich war. Von da nahm das Bild des schwachen erwachsenen Mannes seinen Weg in die Welt des Zeichentrickfilms .

Heute weiß der Vater in der Fernsehwerbung nie, welche Medizin man gegen Erkältung nehmen muß. Und in heiteren Fernsehserien sind Männer meistens unaufrichtig oder trottelig und leicht hinters Licht zu führen. Es sind die Frauen, die sie überlisten und ihnen eine Lehre erteilen oder die, völlig auf sich allein gestellt, alle Schwierigkeiten meistern. Das entspricht nicht gerade dem, “was die Leute wollen”. Viele junge Drehbuchautoren rächen sich an dem abwesenden Vater, indem sie alle erwachsenen Männer wie Tölpel aussehen lassen, statt die Konfrontation mit ihren eigenen Vätern in Kansas zu suchen, oder wo auch immer sie leben mögen.

Sie bekämpfen die Achtung vor der männlichen Integrität, die jeder Vater insgeheim an seine Enkel und Urenkel weitergeben möchte. Dagegen sind es in traditionellen Kulturen gerade die älteren Männer und Frauen, die bei öffentlichen Versammlungen als erste das Wort ergreifen; jüngere Männer sagen vielleicht nichts, versuchen aber trotzdem, mit den älteren Männern in Kontakt zu bleiben. Heutzutage gibt es Siebenundzwanzig-jährige, die, statt Universitäten zu besetzen, einen Verlag aufkaufen und innerhalb von sechs Monaten etwas zugrunderichten, was ein älterer Mann in dreißig Jahren aufgebaut hat. Im Alter zwischen zwanzig und vierzig habe ich meinen Teil zur Unterminierung der Zeus-Energie beigetragen. Ich habe jeden älteren Mann des literarischen Lebens, der in Reichweite meiner Pfeile war, attackiert, und ich habe mich über den Anblick gefreut, wenn die Pfeile seinen Körper durchbohrten, Pfeile, die durch die angespannte Energie angetrieben wurden, die sich in meiner Psyche gestaut hatte. Ich kannte zwar vieles von dem, was mein Vater tagsüber tat, seine Arbeitsgewohnheiten und seine großzügige Haltung den Arbeitern gegenüber, aber in anderer Hinsicht war er unzugänglich, und diese Leere in mir füllte sich mit Dämonen, wie Mitscherlich sie prognostiziert hat. Ältere Männer, die ich kaum kannte, bekamen diesen Zorn zu spüren. Wenn ein Sohn dieser Furcht vor Dämonen nachgibt, so ist er am Ende stumpf, verbraucht, isoliert und vertrocknet. Vor einigen Jahren spürte ich, daß meine maskuline, weniger meine “feminine” Seite allmählich schrumpfte. Ich stellte fest, daß mir der Umgang mit Männern fehlte - oder sollte ich besser sagen, mit meinem Vater?

 Allmählich sah ich ihn nicht mehr als jemanden, der mir Liebe oder Aufmerksamkeit oder Kameradschaft vorenthalten hatte, sondern als jemanden, dem selbst bereits etwas vorenthalten worden war, von seinem Vater, seiner Mutter und von der Kultur, in der er lebte. Diese Neubesinnung dauert noch an. Jedesmal, wenn ich meinen Vater sehe, frage ich mich, mit immer neuen und widersprüchlichen Empfindungen, wieviel er mir willentlich vorenthalten hat und wie vieles unwillentlich - was bewußt war und was unbewußt.

C.G. Jung hat etwas Beunruhigendes über diese Form der Verwicklung geäußert. Wenn der Sohn seine eigenen Gefühle primär über die Mutter erfährt, dann, so meint Jung, wird er die weibliche Haltung zur Männlichkeit einnehmen und eine weibliche Sicht seines Vaters und seiner eigenen Männlichkeit entwickeln. Er wird seinen Vater mit den Augen der Mutter sehen. Da Vater und Mutter um die Zuneigung des Jungen wetteifern, bekommt man durch die Mutter ebensowenig ein ehrliches Bild des Vaters vermittelt wie durch den Vater ein ehrliches Bild der Mutter.

 Manche Mütter vermitteln den Eindruck, daß Zivilisation und Kultur, Emotionalität und Liebe Bereiche darstellen, die Mutter und Tochter, oder Mutter und sensibler Sohn miteinander teilen, während der Vater alles verkörpert, was hart und möglicherweise brutal, was gefühllos, obsessiv, rationalistisch ist: geldgierig, mitleidlos. “Dein Vater kann nicht aus seiner Haut.” Somit wächst der Sohn oft mit einem entstellten Bild seines Vaters auf, das nicht unbedingt auf den Worten und Taten des Vaters basiert, sondern auf dem, was die Mutter diesen Worten und Taten beimißt .

 Ich weiß, daß auch in meinem Fall meine erste Beziehung zur Emotionalität über meine Mutter lief. Sie vermittelte mir die erste Wahrnehmung unterschiedlicher Gefühle. “Bist du traurig?” Doch diese Beziehung brachte es mit sich, daß ich eine negative Sicht meines Vaters annahm, der nicht sehr viel über Gefühle sprach.

Ein Sohn braucht eine Zeitlang, bis er diese frühe negative Sicht des Vaters überwindet, denn die Psyche hält an diesen frühen Wahrnehmungen hartnäckig fest. Die Idealisierung der Mutter oder die Fixierung auf sie, die Liebe zu ihr oder der Haß auf sie kann anhalten, bis der Sohn dreißig, fünfunddreißig, vierzig ist. Irgendwann um die Vierzig oder Fünfund-vierzig setzt normalerweise eine Bewegung in Richtung auf den Vater ein - ein Wunsch, ihn deutlicher wahrzunehmen, ihm näher zu kommen. Dies geschieht unerklärlicherweise, fast so, als stünde es auf einem biologischen Zeitplan.

Ein Freund erzählte mir, wie diese Bewegung in seinem Leben Gestalt annahm. Als er Mitte dreißig war, fing er an, darüber nachzudenken, wer sein Vater wirklich war. Er hatte seinen Vater ungefähr zehn Jahre nicht gesehen. Er flog nach Seattle, wo sein Vater wohnte, klopfte an die Tür, und als sein Vater öffnete, sagte er zu ihm: “lch wollte dir nur sagen, daß ich die Meinung, die meine Mutter von dir hat, nicht mehr gelten lasse.” “Was passierte dann?” fragte ich. “Mein Vater brach in Tränen aus und sagte: ,Jetzt kann ich sterben.”’ Väter warten. Was können sie sonst tun.

 Ich behaupte nicht, daß alle Väter gut sind; Mütter können mit Ihrer Sicht der negativen Seite des Vaters recht haben, aber sie können auch bestimmten männlichen Charakterzügen gegenüber voreingenommen sein, die einfach nur anders oder unerwartet sind. Wenn der Sohn Gefühle hauptsächlich über die Mutter erfährt, dann wird er auch seine eigene Männlichkeit vom weiblichen Standpunkt aus betrachten. Er mag davon fasziniert sein, aber er wird davor Angst haben. Vielleicht bedauert er sie und will sie erneuern, oder er mißtraut ihr und will sie vernichten. Er mag sie bewundern, aber er wird sich nie damit rundherum wohl fühlen. 

 Letztlich muß ein Mann alles, was ihm eingetrichtert wurde, über Bord werfen und selbst herausfinden, was der Vater ist und was Männlichkeit bedeutet. Bei dieser Aufgabe sind alte, archaische Erzählungen eine große Hilfe, weil sie von den Vorurteilen der modernen Psychologie frei sind, weil sie der Prüfung von Generationen von Männern und Frauen standgehalten haben und weil sie sowohl die Licht- als auch die Schattenseiten der Männlichkeit zeigen, das Bewundernswerte und das Gefährliche. Ihr Vorbild ist weder ein vollkommener noch ein übermäßig intellektueller  Mann.

In der griechischen Mythologie wird Apollon als ein goldener Mann gesehen, der auf der geballten dunklen, vitalen und gefährlichen Energie des Dionysos steht. Der Wilde Mann in unserer Geschichte umfaßt beide Arten der Energie, die apollinische und die dionysische.

In Bhutan findet man Masken, die einen vogelköpfigen Mann mit Hundezähnen darstellen.  Sie erinnern deutlich an diese doppelte Energie. Wir alle kennen die Tempelwächter, die vor den Eingängen orientalischer Tempel stehen. Ein Wächter ist eine Mann, der finster und wild entschlossen blickt, einen Fuß wie zum Tanz erhoben, und dabei eine Keule schwingend, die aus einer Blume gemacht ist. Die Hindus haben als Bild der Männlichkeit den Gott Shiva, sowohl Asket wie auch ein guter Lieb-haben, ein Verrückter und ein Ehemann. Er erscheint auch mit Fangzähnen versehen als Bhairava, und in diesem Aspekt ist er von der Freundlichkeit des herkömmlichen Jesusbildes weit entfernt.

 Eine Andeutung dieser Bhairava-Energie findet in der Szene, als Jesus im Tempel in Zorn gerät und die Geldwechsler mit der Peitsche verjagt. Die keltische Tradition bietet den Gott Cuchulain als Bild der Männlichkeit - wenn er zornig wird, treten seine Wadenmuskeln hervor, Rauch dringt aus seinem Kopf.

Diese kraftvollen Energien in Männern liegen, wie im Eisenhans, auf dem Grund von Tümpeln, an denen wir bis jetzt noch nicht vorbeigekommen sind. Es ist gut, daß das Göttliche mit der Jungfrau Maria und der Seligkeit Jesu verknüpft ist, aber uns befällt eine Ahnung, welchen Unterschied es ausmachte, für junge Männer, wenn wir in einer Kultur lebten, in der das Göttliche auch mit verrückten Tänzern, Männern mit gefährlichen Fangzähnen und einem völlig behaarten Wesen unter Wasser verknüpft wäre.

 Wir alle, gleich ob Mann oder Frau, empfinden etwas Angst, wenn wir uns diesen Bildern annähern. Jahrzehntelang bemühen wir uns mit gutem Grund, die negativen Aspekte des destruktiven, des MachoPersönlichkeitstyps zu erkennen, und ich denke, es ist in diesem Zusammenhang nützlich, sich die Unterschiede zwischen dem Wilden Mann und dem Barbaren vor Augen zu halten.Wenn ein Mann mit dem Wilden Mann Kontakt aufnimmt, kann er an wirklicher Kraft hinzugewinnen. Er ist in der Lage, laut und unmißverständlich zu sagen, was er will, was der typische Mann der sechziger und siebziger Jahre nicht kann. Die Hinwendung zu den rezeptiven Möglichkeiten, oder deren Personifizierung, die der Mann der sechziger und siebziger Jahre erreicht hat, ist unendlich wertvoll und darf keinesfalls verlorengehen. Doch wie ich bereits in einer “Meditation über die Philosophie” geschrieben habe:

Wenn du sie anschreist, antworten sie nicht. Sie wenden ihr Gesicht zur Wand- und sterben.Die Fähigkeit des Mannes, zu schreien und zornig zu sein, bedeutet nicht, daß er dominiert oder Menschen wie Objekte behandelt. Land oder Macht fordert, am Kalten Krieg festhält - kurz das ganze Repertoire des männlichen Chauvinismus.

ln den siebziger Jahren mußten Frauen eine Energie entwickeln, die in der indischen Tradition als Kali-Energie bezeichnet wird - die Fähigkeit, wirklich zu sagen, was man will, mit Totenschädeln um den Hals zu tanzen, Beziehungen zu beenden, wenn es sein muß.

Parallel dazu müssen Männer eine Verbindung mit der rauhen Dionysos-Energie eingehen, die die Hindus Kala nennen. Unsere Geschichte besagt, daß der erste Schritt darin besteht, den Wilden Mann auf dem Grund des Tümpels zu finden. Manchen Männern gelingt es, unter gewaltigen Leiden, zu diesem Ort hinabzusteigen. Aber eine Verbindung zur Kala-Energie aufzunehmen, bedeutet auch, sich der gleichen Energie in Frauen zu stellen. Andernfalls werden die Männer nicht überleben.

Männer leiden zur Zeit - besonders junge Männer. Aber jetzt, wo so viele Männer ihr Leiden, ihre Sehnsucht nach dem Vater oder Mentor, auch empfinden, sind wir eher bereit,den Wilden Mann zu sehen und den Begriff der Initiation neu zu überdenken. Ich bin jedenfalls sehr optimistisch.


 
 

AKTUELLES & TERMINE


 
Ausbildung Körpertherapie Beginn: Okt./Dez. 2011 ist vollständig belegt